Warum müssen wir zu allem eine Meinung haben?
Letzte Woche in einer Diskussion über aktuelle Themen, Gott und die Welt stellte mein Gesprächspartner plötzlich folgende Frage: „Warum müssen wir eigentlich immer eine Meinung haben?“ Nach einer kleinen Pause haben wir zunächst gelacht, aber keine Antwort auf diese Frage gefunden. Ich habe aber noch in den nächsten Tagen gemerkt, dass mich diese Frage nicht loslässt.
Was ist Deine Meinung dazu? Eine Frage, die uns insbesondere zu Themen wie aktuell Fußball, Chatkontrolle oder Leihmutterschaft regemäßig begegnet. Die eigentliche Botschaft dahinter: Sag schnell etwas möglichst Kluges – und am besten etwas, das ins Bild passt.
Wir leben in einer Zeit, in der Nicht-Positionierung schnell als Desinteresse, Unwissenheit oder Schwäche abgestempelt wird. Durch die Informationsflut in den sozialen Medien wird erwartet, dass wir über alles, was gerade auf der Welt passiert, informiert sind und eben auch eine Meinung dazu haben.
Dabei ist eine Meinung nichts weiter als ein Gedanke mit Haltung – entstanden aus unseren Erfahrungen, Prägungen und Emotionen. Dabei merken wir häufig nicht, dass die von uns vertretene Ansicht gar nicht wirklich unsere Meinung ist. Sie ist übernommen, angepasst, mitgelaufen. Bequemer Konsens statt eigener Klarheit. Dahinter steht der subtile Druck, sich einig zu sein. Ob im Freundes-, Bekannten- und Familienkreis – Harmonie wirkt sicher. Zustimmung verbindet. Widerspruch irritiert und wird damit manchmal auch als persönlicher Angriff bewertet: Wer meine Meinung nicht teilt, greift mich als Person an!
Aber hier liegt meines Erachtens der Denkfehler: Wir müssen weder zu allem eine Meinung haben, noch müssen wir die Meinung anderer teilen.
Echte Entwicklung – sowohl die eigene als auch die in Verbundenheit – entsteht nicht im Gleichklang, sondern im Unterschied. Unterschiedliche Perspektiven machen doch den Austausch gerade lebendig, Entscheidungen fundierter und Denken tiefer. Wer immer nur zustimmt, trägt nichts bei – außer Ruhe an der Oberfläche.
Wer sich zwingt, sofort eine Meinung zu haben, verpasst dabei vielleicht auch die Möglichkeit, etwas wirklich zu verstehen oder zu hinterfragen. Für mich liegt die eigentliche persönliche Stärke darin, auch mal innehalten zu können. Nicht sofort zu bewerten. Widerspruch auszuhalten und zu sagen: „Ich sehe das anders.“ Oder eben auch: „Ich habe mir dazu noch keine Meinung gebildet. Ich brauche dazu noch mehr Informationen.“
Beides braucht mehr Mut als jede schnelle Meinung. Manchmal auch den Mut, Aussagen zu hinterfragen, sich selbst ein Bild zu machen und erst dann tatsächlich die Gedanken zu einer Meinung zu manifestieren. Frei nach Kant: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen….“
WOMAN become yourself Impuls:
Beobachte Dich in der nächsten Woche mal ganz bewusst:
Wie reagierst Du, wenn nach Deiner Meinung gefragt wird?
Gibt es Themen, zu denen Du keine Meinung hast?
Warum ist das so? Hast Du Lust, Dich über das Thema zu informieren, um eine eigene Meinung zu entwickeln oder ist es für Dich auch ok, ganz bewusst keine Meinung zu haben?