Schuld und Scham – zwei Gefühle, die uns klein machen können
Schuld und Scham gehören zu den Gefühlen, über die wir nicht besonders gern sprechen. Wir verstecken Sie daher ganz tief in unserem emotionalen Keller. Dabei kennt sie doch fast jeder:
Wir fühlen uns schuldig, weil wir eine Verabredung abgesagt haben oder eine zusätzliche Aufgabe im Job aus Kapazitätsgründen nicht übernehmen konnten. Manchmal schämen wir uns dafür, eine Entscheidung zu treffen, die für uns in dem zwar Moment richtig war, für andere Menschen aber vielleicht enttäuschend.
Schuld kann sinnvoll sein
Schuld ist dabei nicht per se schlecht, sondern kann sogar hilfreich sein. Sie zeigt uns, dass wir Verantwortung übernehmen, Dinge die wir gesagt oder getan haben, reflektieren oder uns entschuldigen möchten, weil wir eine andere Person verletzt haben.
Problematisch wird es dort, wo wir uns für Dinge schuldig fühlen, für die wir keine Verantwortung tragen. Weil wir eine Grenze setzen oder weil wir unsere eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Für die Enttäuschung der anderen Person tragen wir keine Verantwortung. Nicht jedes schlechte Gewissen bedeutet also, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Scham trifft unsere ganze Person
Scham fühlt sich anders an. Während Schuld sagt: „Das war nicht richtig“, sagt Scham: „Ich bin nicht richtig“ und geht damit tiefer. Scham betrifft nicht nur unser Verhalten, sondern unser Selbstbild. Wir fühlen uns zu viel, zu wenig, nicht gut genug oder irgendwie falsch. Aus Scham wollen wir uns verstecken, zurückziehen oder versuchen besonders angepasst, perfekt oder leistungsfähig zu sein. Wir tun dabei alles, damit niemand unseren vermeintlichen Makel entdeckt.
Woher kommen Schuld und Scham?
Sie entstehen dort, wo wir früh gelernt haben, dass bestimmte Gefühle, Bedürfnisse oder Eigenschaften unerwünscht sind. Vielleicht sollten wir als Kind nicht zu laut, nicht zu empfindlich, nicht zu anspruchsvoll oder nicht zu wütend sein.
Noch heute reicht der kleinste Konflikt, ein „Nein“ oder ein bewusstes Eintreten für unsere eigenen Bedürfnisse – und sofort meldet sich die bekannte innere Stimme wieder.
Wir sind mehr als unsere Fehler
Ich habe angefangen, mir Fehler zu erlauben, ohne mich selbst in Frage zu stellen und Entscheidungen zu treffen, die nicht jedem gefallen. Leicht fällt mir das nicht, muss ich zugeben. Gerade das Eintreten für die eigenen Bedürfnisse löst bei Menschen (zu denen ich auch gehöre), die gewohnt sind, lange auf Familie und Kolleg:innen Rücksicht zu nehmen, Erwartungen zu erfüllen oder Konflikte zu vermeiden, Schuldgefühle aus. Die gute Nachricht: Das Schuldgefühl ist dabei nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass unsere Entscheidung falsch war. Manchmal ist es schlicht ein Zeichen dafür, dass unser neues Verhalten nicht nur für unsere Umwelt ungewohnt ist. Dennoch lohnt es sich mal genauer hinzuschauen und unser Verhalten zu reflektieren.
Scham hingegen braucht etwas anderes: Verständnis, Mitgefühl und die Bereitschaft, uns nicht auf unsere Fehler, Schwächen oder vermeintliche Unzulänglichkeiten zu reduzieren. Wir können jemanden enttäuschen und dennoch eine richtige Entscheidung für uns treffen. Wir dürfen lernen, zwischen Verantwortung und Selbstverurteilung zu unterscheiden. Vielleicht ist genau das ein wichtiger Schritt zu mehr innerer Freiheit?
WOMAN become yoursels Impuls
Wenn Dich in einer Situation ein schlechtes Gewissen beschleicht, frag Dich:
Welche Emotion ist gerade da? Schuld oder Scham?
Woran spürst Du das Gefühl in Deinem Körper?
Bei Schuld:
Welche Gedanken tauchen auf? Was ist genau passiert?
Bezieht sich das Gefühl auf etwas, was Du getan hast und wofür Du verantwortlich bist oder hast Du die Erwartung eines anderen nicht erfüllt?
Kannst Du etwas wiedergutmachen oder machst Du das Gefühl eines anderen Menschen gerade zu Deiner Verantwortung?
Bei Scham:
Was macht das Gefühl mit Dir? Ziehst Du Dich zurück? Möchtest Du es allen recht machen? Wirst Du leise oder laut?
Was denkst Du in diesem Moment über Dich? Würdest Du mit einem Menschen, den Du liebst, genauso hart sprechen wie mit Dir selbst?
Versuch die schambesetzte Aussage, die Du über Dich triffst zu verändern: Aus „Ich bin falsch“ kann ein: „Ich schäme mich gerade. Das Gefühl darf da sein, beschreibt aber nicht meine ganze Person“ werden.